N.T.Ä. – Aus der Szene für die Szene

Wer ein Herz für Streetpunk und Artverwandtes hat, ist in den letzten Jahr nicht an N.T.Ä. aus Saarbrücken vorbeigekommen. Mit zahlreichen Konzerten, zwei starken Alben und Pascow-Gastauftritten haben sie sich einen Namen in der Szene gemacht. Wir sprachen mit Schlagzeuger Äxel und Sängerin und Bassistin Nadine über Vereinbarkeit von Lohnarbeit und Band, Songwriting-Prozesse sowie subkulturellen Räumen als Safe-Spaces.

Dass N.T.Ä. mittlerweile zu einer festen Szene-Größe geworden sind, ist auch vor allem deswegen bemerkenswert, schaut man auf das Gründungsjahr der Band: 2019. Ein Jahr vor der alles lahmlegenden Corona-Pandemie, zumindest, alles lahmlegende, was eine frisch gegründete Band braucht: Zeit im Proberaum, Konzerte, die Möglichkeit, sich anderen zu präsentieren. N.T.Ä. profitieren davon, dass sich Äxel, Nadine und Gitarrist Tommy zu diesem Zeitpunkt seit mehreren Jahren kennen und bereits in der Band Christmas gemeinsam aktiv waren. Trotz dieser jahrelangen Verbindung steht keineswegs von Anfang an fest, dass die drei wieder zusammen im Proberaum stehen werden. Christmas sind laut Nadine nicht unbedingt im Guten auseinander gegangen: „Ich bin als erste aus der Band raus, weil ich mit dem Sänger verheiratet war und als wir uns getrennt haben, passte das mit der Band natürlich nicht mehr.“ Äxel ergänzt: „Irgendwann ist Tommy raus, ein halbes oder ein Jahr später ich. Wir sind mit der alten Band echt viel getourt und das war sehr intensiv, teilweise wochenlang durch ganz Europa, auch mit viel Reibung. Und so haben wir drei uns aus den Augen verloren für eins, zwei Jahre vielleicht.“ Dass es mit den dreien jetzt so gut funktioniert, liegt neben den mit den Jahren entstandenen Vertrauen an der klaren Aufgabenverteilung innerhalb der Band: „Jede*r hat seinen Bereich in der Band, in den er sich mehr vertieft. Bei Tommy ist es vor allem Sound und Songwriting, bei Nadine Merchandise, und natürlich die Texte, und bei mir Booking und Socia-Media. Jede*r hat seinen Bereich und jede*r vertraut den anderen beiden.“ Zudem vereinfache es Entscheidungsprozesse, wenn es nur drei und nicht vier oder fünf Meinungen gäbe.

Dass sie schließlich N.T.Ä. gründen, hat auch mit einer anderen deutschsprachigen Punkband mit saarländischem Background zu tun: Pascow. „War es nicht sogar auf einem Pascow-Konzert, wo wir uns dann wieder gesehen haben? Nadine war als Gastsängerin da, wir haben uns dort getroffen und gesagt: Es wäre doch cool, wenn wir mal wieder was zusammen machen würden. So haben wir dann Tommy kontaktiert und uns im Anschluss daran, zu dritt getroffen. Erstmal ohne Instrumente, nur zum Quatschen, dann aber auch schnell wieder zusammen im Proberaum.“ Bei der ersten Probe entsteht der erste neue Song und die Band merkt, dass sie nicht nur freundschaftlich, sondern auch musikalisch wieder hervorragend miteinander funktionieren. Ungefähr ein Jahr später, im April 2020, erscheint die EP Dark Stories Part 1, die vieles von dem vereint, für das N.T.Ä. auch 2026 noch stehen: Tempo, vom Metal inspirierte Riffs, Texte, die den Mittelfinger auf die Probleme der heutigen Zeit richten: toxische cis-Männlichkeit, soziale wie globale Ungerechtigkeit, Nazis, und und und … Es geht um Empowerment, Selbstbestimmung, das Eingestehen eigener Fehler. Und nicht zu vergessen Nadines Gesang, der in seiner Rotzigkeit an Cecilia Boström von The Baboon Show erinnert. 2024 folgt mit Stories That Pave The Road To Hell das erste Album, ein Jahr später der Nachfolger Dark Stories – beide veröffentlicht über Kidnap Music, das Label des Pascow-Sängers Alexander Thomé. Er selbst ist auch als Gast auf Molar, einem Song des Debüts zu hören, und damit neben Hardcore-Legende Lee Hollis (Steaknife, Spermbirds) und Chris von Kotzreiz, Teil einer illustren Liste an Gästen, mit denen N.T.Ä. bislang zusammengearbeitet haben. Lee Hollis lernen sie kennen, da er in ihrer Lieblingskneipe in Saarbrücken als Barkeeper arbeitet, Chris fragen sie an, weil sie für ihren Song Combat noch einen „Kotzreiz-mäßigen“ Einzahler brauchen. Anhand dieser drei Gäste und deren Bands lässt sich der Sound von N.T.Ä. weiter spezifizieren: Straßenköter-Siffigkeit von Kotzreiz trifft auf Skate-Hardcore á la Spermbirds trifft auf Pascow-Zugänglichkeit, die sich nie anbiedert. Für alle, die mehr über die Einflüsse von N.T.Ä. wissen möchten, lohnt ein Blick auf das Bandprofil bei einem großen Streaminganbieter (Tipp: investiert gerne in die Rüstungsindustirie), auf dem alle drei Bandmitglieder*innen jeweils eine Playlist erstellt haben – von Amyl And The Sniffers über Dead Kennedys bis zu Journey.

Trotz der verschiedenen Einflüsse fällt es ihnen nicht schwer, sich anfangs auf einen Sound zu einigen. Vielmehr sprechen sie gar nicht groß drüber. „Es ist einfach so passiert“, sagt Nadine. „Dadurch, dass jede*r von uns schon lange Musik macht, hat jede*r eine Art Grundsound. Tommy hat einen bestimmten Gitarrensound, ich habe einen relativ gradlinigen Drumbeat, du, Nadine, deinen Bass-Sound, der sehr markant ist“, so Äxel. Das Songwriting läuft von Anfang an meist nach einem ähnlichen Schema ab: „In der Regel ist es so, dass Tommy eine Gitarrenidee mit in den Proberaum bringt und sie uns vorspielt. Der Rest des Songs entsteht anschließend in Zusammenarbeit. Wir arbeiten sehr kompromissbereit und songdienlich, als Team, und sind sehr offen dafür, wenn jemand Vorschläge einbringt, zum Beispiel für eine Basslinie oder eine Gesangsmelodie. Was die Texte angeht, das machen Äxel und ich meistes zusammen. Entweder schreibe ich einen Text allein oder wir greifen auf etwas zurück, dass Äxel geschrieben hat und bauen es zusammen.“

Dass es die Band 2026 noch gibt, ist aber nicht nur wegen der Pandemie bemerkenswert, sondern auch, weil alle drei neben der Band einer Lohnarbeit nachgehen. Eine klassische Feierabend-Band sind N.T.Ä. auf Grund von Qualität und Tourpensum nicht, faktisch stellt es trotzdem eine Belastung da, wenn nach einem Arbeitstag ein weiterer Full-Time-Job wartet. „Bei mir geht ein Großteil des Urlaubes für die Band drauf. Die Band ist schon von der Lohnarbeit abhängig. Da sind wir schon ein wenig gebunden, das ist manchmal auch nervig“, erklärt Nadine. Äxel fügt hinzu: „Gleichzeitig touren wir mittlerweile auch schon so lange, dass es für uns normal ist, nach der Arbeit in den Bus einzusteigen. Wir investieren sehr viel Zeit in die Band und da darf man auch nicht vergessen, dass das soziale Umfeld um uns herum weiterlebt und wir viele Kompromisse machen, viele Geburtstage, die man nicht besuchen kann, Partys, Konzerte.“

Wie eingangs erwähnt sind N.T.Ä. fester Bestandteil der Punk-Szene – der saarländischen im speziellen, der globalen im Allgemeinen. Aber was soll das überhaupt sein? Die Punk-Szene? Abgesehen von den verschiedenen musikalischen Strömungen und Subgenres, gibt es auch innerhalb der Szene diverse Ideologien, Denkmuster und Regeln. So ist es womöglich kein Selbstläufer, setzte man Jens Rachut, Avril Lavigne und Steve Ignorant von Crass in eine Kneipe, dass sie automatische eine gute Zeit miteinander hätten. Vielleicht aber auch eben doch, denn genau diese Diversität, die verschiedenen kleinen Szenen innerhalb der großen, machen für Äxel den Reiz aus: „Für mich ist es sehr interessant im Rahmen der Punk-Szene viele kleine Szenen für sich kennenzulernen. Zum Beispiel hat das besetzte Haus in Freiburg andere Schwerpunkte als die Au in Frankfurt, der Bauwagenplatz in Hamburg oder ein besetztes Haus in Berlin. Aber diese verschiedenen Menschen und Perspektiven kennenzulernen, auch im Hinblick auf Generationsunterschiede, ist sehr spannend. Es ist ein Unterscheid, ob wir als Support für UK Subs spielen oder in einem AZ, wo vor allem jüngeres Publikum ist. Das ist für mich die Bereicherung, nicht an einen Ort gebunden zu sein, sondern Einblicke in verschiedene Szene zu haben.“

Was weniger Punk ist: Das Kritisieren von Machtstrukturen mit reaktionärem Dagegen-sein-wollen zu verwechseln. Hinzu kommt, dass eine Subkultur, die es sich zur Aufgabe macht, gängige Gesellschaftsstrukturen aus den Angeln zu heben und Diskriminierung abzubauen, Gefahr läuft, blinde Flecken gegen eigene ausschließende Strukturen und Praktiken zu entwickeln. Privilegien anzuprangern ist dann doch einfacher, als die eigenen zu hinterfragen. Wie blicken N.T.Ä. darauf? Kann die Punk-Szene ein Safe-Space, ein utopischer Ort sein? „Im Vergleich zu anderen Szene oder die Dorfclique von damals ist die Punk-Szene auf jeden Fall mehr Safe-Space, aber meiner Meinung nach leider auch nicht hundertprozentig. Dafür habe ich selbst mehrfach übergriffiges Verhalten erlebt“, so Nadine. „Trotzdem habe ich auf jeden Fall außerhalb der Szene mehr negative Erfahrungen gemacht als innerhalb.“ Äxel tut sich mit einer Antwort schwer, besonders auf Grund der weiter oben erwähnten Unterschiedlichkeit der einzelnen Subszenen: „Auch innerhalb der Szene reicht die Bandbreite vom besetzten Haus bis zu großen Festivals. Und es ist natürlich auch ein Unterschied, ob eine Band aus Idealismus ein Konzert spielt oder, ob sie davon leben und Existenzen davon abhängen. Aber klar, es gibt auch in der Punk-Szene Hierarchien, in denen man als kleine Band nicht immer gut behandelt wird, und es gibt übergriffiges Verhalten, nicht nur auf körperlicher Ebene, sondern in verschiedenen Ausrichtungen.“ Nadine führt ein Beispiel an, dass womöglich viele FLINTA* kennen: „Wie oft es vorgekommen ist, dass jemand zu mir kommt und sagt: ‚Ach, du machst den Merch?‘ Und ich dann sagen musste: ‚Nein, ich gehöre auch zur Band.‘ Das wurde weniger in den letzten Jahren, aber das ist schon nervig.“ Wer sich näher mit dieser Thematik auseinandersetzen möchte, dem sei an dieser Stelle das Buch Punk as F*ck  empfohlen, 2022 im Ventil Verlag erschienen. „Catcalling in the streets/Vultures chasing their meat/Judging unasked women’s bodies/Calling them ‚hot mommies‘“, singen N.T.Ä. in Boys und fügen damit der Vielzahl an starken Songs, die toxischer Cis-Männlichkeit und Sexismus den Kampf erklären – etwa Für ne Frau von Hans-A-Plast, Touch Me Again von Petrol Girls oder Boys In A Band von Lambrini Girls – einen weiteren hinzu. Und das ist auf jeden Fall Punk: Die Scheisse nicht in sich reinzufressen und so zumindest für diese drei Minuten einen Safe-Space zu schaffen.

N.T.Ä. – Live:
10.07. Mannheim – 7er Club Open Air
11.07. Prölsdorf – Krach am Bach
18.07. Münster – Seepogo Festival
24.07. Bausendorf – Riez-Open-Air
25.07. Nauwieser – Viertel Fest
08.08. Schmalkkalden – Villa K Open Air
12.09. Bremen – Kairo
26.09. Dresden – Chemiefabrik