Ohne Schlagzeuger da zu stehen, das kannte Gitarrist und Bandchef Aren Emirze schon, aber nach dem zweiten Musa-Dagh-Album No Future ist auch der Sänger weg. Emirze macht trotzdem weiter – mit Abwärts-Schlagzeuger Martin „Dog“ Kessler und der Avantgarde-Noise-Künstlerin Safi. Und einem Album, das er im Interview als das krasseste bezeichnet, was er seit 1995 gemacht habe.
Endurance – Ausdauer – so heißt das neue, dritte Album von Musa Dagh, und die hätte Emirze damit endgültig bewiesen. Seit über dreißig Jahren ist er Teil der deutschen alternativen Musikszene und hat sich dabei vom disruptiven Noiserock der Harmful-Frühphase über die zugänglichen Momente des Spätwerks bis zu seinem akustischen Soloprojekt Emirsian, mit dem sich der gebürtige Armenier auf die Suche nach seinen musikalischen wie kulturellen Wurzeln begibt, in diversen musikalischen Richtungen ausprobiert. Er scheut es also nicht, mit dem, was er macht, Menschen vor den Kopf zu stoßen. 2021 kommt mit Musa Dagh eine weitere Band dazu, zu der neben ihm Beatsteaks-Schlagzeuger Thomas Götz und Ex-Blackmail-Sänger Aydo Abay gehören. Musikalisch könnte das nach der Band benannte Debüt sowie der Nachfolger No Future (2023) als ein Querschnitt aus seinem bisherigen Schaffen beschrieben werden. Emirzes teils brachiale Riffs finden in den melodiösen Gesangslinien von Abay einen perfekten Konterpart. Mit ihrem 90er-Sound erarbeiten sie sich eine stetig wachsende Fanbase und schaffen es bis auf das Cover des VISIONS-Magazins. Trotzdem läuft die Tour zu No Future nicht wie erhofft, die erste Platte konnte wegen Corona erst gar nicht betourt werden. Ein Umstand, der laut Emirze vor allem Sänger Aydo Abay zu schaffen macht. Als nach No Future Götz-Nachfolger Sascha Madsen aussteigt und durch Kessler ersetzt wird, weiß Emirze nicht, dass der größte Umbruch erst auf ihn zu kommt: „Wir haben 20 Songs innerhalb kürzester Zeit geschrieben. Dann kam Aydo dazu und hat verschiedene Gesangsideen ausprobiert, was sehr gut funktioniert hat. Aber als wir kurz danach essen waren meinte Aydo: ‚Ich habe Bock, eine Platte zu machen, aber ich gehe nicht auf Tour.‘ Da war klar für mich: Das hat keine Zukunft.“ Obwohl der Ausstieg seines Kreativpartners („Aydo und ich waren sehr eng“) für Emirze einen herben Verlust darstellt, denkt er nie an eine Auflösung: „Aufgeben ist nicht Teil meines Vokabulars. Für mich war klar, das wird schon weitergehen.“
Und das tut es auch: Im November 2025 präsentieren Musa Dagh Sandra Fink alias Safi als neue Sängerin und Bassistin. Der Kontakt kommt über Moses Schneider zustande – als Produzent aller Musa-Dagh-Alben neben Emirze seit 2021 die einzige Konstante – der zu der Zeit an Safis Album Groteske arbeitet. Diese Entscheidung für Safi entpuppt sich auf Endurance als Glücksgriff: Durch ihre enorme Stimmvariabilität – mühelos wechselt sie zwischen Flüstern, Schreien, Klargesang – und der Vorliebe fürs Experimentelle, erstickt sie jegliche Vergleiche zum pop-affinen Abay im Keim. Und stößt damit die Tür zu einem neuen Musa-Dagh-Kapitel auf. „Safi ist eine Sängerin, die sehr eigen und extravagant denkt und nicht gefallen will, aber sie zieht einen in den Bann und wenn man es dann dreimal gehört hat, denkt man sich: Wow, was ist das denn?!“ Trotzdem: Musa Dagh sind keine Band, die über reine Aggression funktioniert, sondern immer dann am besten, wenn sie zwischen „Gewalt und Erlösung“ [Zitat Safi] pendeln. „Für mich macht Musa Dagh aus, dass wir bei aller Härte die Melodie nie aus den Augen verlieren. Aber trotzdem immer energetisch eine Spannung generieren. Da ist immer eine Spannung. Langweilig ist die Musik nie, aber sie kann überfordern“. Eben diese Unberechenbarkeit zeichnet auch Endurance auch: Das zeigt sich etwa in Lights Of The Shadows, dessen catchy Melodie von Safis expressivem Gesangsvortrag konterkariert wird, oder in den Strophen von Human Factor, wenn eine Abay-Gesangsgedächtnismelodie in einen Hardcore-Ausbruch mündet. Auch der Umstand, dass auf das akustische, an Elliott Smith erinnernde Not Even A Name das hektische, überladene Guillotine folgt, liegt diesem Spannungsverhältnis zugrunde. Sicher sein, was als Nächstes kommt, Gewalt oder Erlösung, kann man sich auf diesem Album nie.
Guillotine ist laut Emirze ein perfektes Beispiel für die Herangehensweise der Band bei der Entstehung des neuen Albums: „Kompromisslos, authentisch, energetisch. Ohne mit dem Kopf Kalkül reinzubringen. Die Idee geht durch deinen Körper, durch dein Herz, dann durch die Finger raus und du hast nicht einmal drüber nachgedacht, ob es sich verkaufen wird.“ Eine Attitude, die ihm der 2017 verstorbene Produzent und Blunoise-Labelchef Guido Lucas mit auf den Weg gegeben hat. Lucas galt dank seiner Kompromisslosigkeit und seinem Faible fürs Extreme als „der deutsche Steve Albini“ und produzierte neben den ersten Harmful-Alben unter anderem musikalische Querdenker wie ULMe, Blackmail und Urlaub in Polen. „Es gibt Stellen auf dem Album, wo du denkst: Was ist denn hier los? Das hatte ich lange nicht mehr“, so Emirze. „In dieser Form nur beim ersten Harmful-Album. Deshalb ist es für mich das Krasseste, was ich seitdem gemacht habe. Auch da gab es diesen Was-ist-denn-hier-los-Charakter, weil man denkt: Was haben die denn genommen?“ Dass das nicht allen Fans gefallen wird, nimmt er in Kauf: „Vielleicht haben die ersten zwei Alben es etwas einfacher gemacht durch Aydos Melodien. Andererseits haben die auch Leute verschreckt, die wir, mit dem Album jetzt, gewonnen haben. Aber das müssen wir jetzt wieder ausbalancieren, weil wir Leuten, die Aydo-Jünger sind, mit diesem komplett anderen Ansatz eine Schelle geben. Und die müssen die Schelle verkraften oder sagen: Da bin ich raus.“
Wem der neue Sound indes sehr gut gefällt, ist Abay selbst. Der nämlich ist der erste, der sich nach dem Erscheinen der Vorabsingle Hollow Rooms meldet. „Die erste Reaktion kam per Textmessage von Aydo. Aydo hat geschrieben: Aren, spitzen Song, super Sound“, erzählt Emirze. „Ich wusste, dass es ihm gefallen würde. Ich wollte keinen Song als erstes rausbringen, der sagt: Guck mal, Aydo ist weg, und jetzt zeige ich euch mal, wo der Hammer hängt. Sondern ich wollte einen Song rausbringen, der die Transformation zeigt. Dass er das abfeiert, zeigt mir, dass es die richtige Entscheidung ist, den Staffelstab so von einer Hand zur anderen abzugeben.“ Somit ist der Besetzungswechsel geglückt und das Nicht-Aufgeben hat sich gelohnt. Einer produktiven, konzertreichen wie erfolgreichen Musa-Dagh-Zukunft steht also nichts mehr im Weg. Sieht auch der Bandchef selbst so: „Wenn wir den Weg noch weitergehen und organisch wachsen, kann ich mir vorstellen, dass wir in Deutschland in der Nische, in der wir uns befinden, ein Alleinstellungsmerkmal haben.“
Musa Dagh – Live:
24.09. Düsseldorf – Ratinger Hof
25.09. Hamburg – Hafenklang
26.09. Berlin – Badehaus Berlin
22.10. Karlsruhe – Die Stadtmitte
23.10. Oberentfelden – Böröm Pöm Pöm
24.10. Ulm – Roxy
29.10. Göttingen – Musa
30.10. Hannover – Lux
31.10. Kiel – Schaubude

