Muff Potter – Angry-Pop-Tanzmusik

Soziale Ungleichheit, Rechtsruck, Krieg – es sind bewegte Zeiten und Muff Potter genau die richtige Band, um diese zu vertonen. Mit einem vielseitigen, auf eine positive Art zerrissenen Album, das sich durch den Morast der Welt wühlt, dabei aber nicht den Mut verliert. Und deutlich macht: Muff Potter sind nicht mehr dieselbe Band wie vor der Reunion – und wollen das auch gar nicht sein. Wir sprachen mit Gitarrist Felix Gebhard und Schlagzeuger Thorsten „Brami“ Brameier.

„Es ist nicht die Platte, die wir, wenn es uns noch gegeben hätte, 2011 gemacht hätten, sondern es ist eine aktuelle Platte, die dem, was wir machen wollen, und unserem derzeitigem Entwicklungsstand entspricht“, das sagt Brami 2023 ein Jahr knapp nach Veröffentlichung über das Muff-Potter-Comeback-Album Bei aller Liebe. Genau dasselbe ließe sich ebenso über dessen Nachfolger Klepto sagen, den Gebhard als „schlüssige Sache“ bezeichnet und mit dem sie den auf Bei aller Liebe eingeschlagenen Weg weiterfortführen. Bevor es weiter um die Rolle der beiden Alben innerhalb der Band-Diskografie gehen soll, erstmal ein Blick zurück: Vor mehr als 17 Jahren, am 28. Juli 2009, geben Muff Potter ihre Auflösung bekannt. Im gleichen Jahr veröffentlichen sie mit Gute Aussicht ihr letztes Album – und reißen damit eine große Lücke in die deutschsprachige Punk- und Indie-Szene, in der sie sich seit ihrer Gründung 1993 den Ruf als smarte und vielseitige Band erspielt haben, die sich um Genregrenzen genauso wenig schert wie um Szenekonventionen. Dann ist Schluss und Muff Potter sind Geschichte, vorläufig. Achteinhalb Jahre dauert es, bis sie wieder zusammen auf einer Bühne stehen. Zwar nicht als Muff Potter und ohne Gitarrist Dennis Scheider, aber in einer Konstellation, die einer Muff-Potter-Reunion am nächsten kommt: Im Februar 2018 spielen Sänger, Gitarrist und Haupttexter Thorsten „Nagel“ Nagelschmidt, Bassist Dominic „Shredder“ Laurenz und Schlagzeuger Brami im Zuge der Lesung zu Nagelschmidts Roman Abfall der Herzen neben Cover-Versionen auch Lieder ihrer alten Band. Von einer Rückkehr möchte niemand sprechen, sie wird aber Realität, als Muff Potter sechs Monate später auf dem antifaschistischen Festival Jamel rockt den Förster auftreten und ihr erstes Konzert seit 12. Dezember 2009 spielen. 2019 folgt eine Tour, noch mit Dennis Scheider, der kurz nach der Tour austritt und 2025 „nach kurzer, schwerer Krankheit“ (Band-Statement) verstirbt. 2020 kommt mit Was willst Du der erste neue Song. Es dauert zwei weitere Jahre, bis mit Bei aller Liebe endlich ein neues Album folgt.

Die Straßenköterjahre, in denen Muff Potter Bordsteinkantengeschichten erzählen und ihr Herz voller Teenage-Angst auf die Straße kotzen, sind mit Bei aller Liebe aber endgültig vorbei. Ebenso vorbei die Zeiten, in denen es Muff Potter wie auf Gute Aussicht reicht, ihre Pop-Songs hinter schroffen Gitarren zu verstecken, um den eigenen Fans vor den Kopf zu stoßen. Post-Punk, Spoken-Word, Kinderchor, Songs mit Überlänge – alles scheint möglich. Auch hat die Schriftstellerkarriere von Nagelschmidt hörbar Einfluss auf die ohnehin smarten und mit Verweisen gespickten Songtexte genommen. Auf Bei aller Liebe am deutlichsten in Nottbeck City Limits, einem von drei Songs über sechs Minuten, in dem er mithilfe eines Referenznetzes – angefangen bei „Die Internationale“ über Bertolt Brecht bis zu Blumfeld – von Ausbeutung von Mensch und Tier erzählt. Auf Klepto ist es neben dem Spoken-Word-Track Freaks & Geeks & Spinner die Mini-Kurzgeschichte Und die Nacht brach still herein, die mit feinstem Story-Telling inklusive Plot-Twist am offensichtlichsten auf Nagelschmidts Schriftstellerkarriere verweist. „Für mich ist die Zeit nach 2019 ein neuer Abschnitt in der Bandgeschichte“, stimmt Felix Gebhard der eingangs aufgestellten These zu. „Es gibt eine Verbindung zwischen den beiden Alben, gerade im Gegensatz zu den alten. Ich finde, dass sich musikalisch viel verändert hat, aber auch in einer Tradition zueinandersteht.“ Zwar knackt mit Ein starkes Stück nur ein Song die Sechs-Minuten-Marke, rüttelt dafür aber so stark an der Avantgarde-Tür wie kein Muff-Potter-Song zuvor. Hier haben Nottbeck City Limits und Ein gestohlener Tag, aber auch das sich musikalisch aus zwei Teilen zusammensetzende Schöne Tage Pionierarbeit geleistet. Dem gegenüber steht auf Klepto Hinter den Bergen, am Rande der Welt, ein lupenreiner Pop-Song, der aber auch deshalb so stark ist, weil die Band den Kitsch fest umarmt, wenn Nagelschmidt zu Akustik-Gitarren und Drumcomputer säuselt: „Das Leben will dich langsam zurück und nah bei sich.“ Kitschig, ja, aber dabei niemals plump oder beliebig. Muff Potter verstehen es solche Momente in genau der richtigen Größe aufzublasen – auch wenn es bis dahin ein langer Weg war, wie Brami erklärt: „Von dem Stück gibt es eine Vielzahl an Versionen und es ist auch das Stück, über das wir bandintern am meisten diskutiert haben. Wir haben lange darüber diskutiert, wie wir es aufnehmen und auch versucht es mit klassischen Instrumenten zu spielen. So wie es jetzt auf der Platte gelandet ist, finde ich es aber super“. Darüber hinaus stellt der Song ein Novum in der Bandhistorie dar: „Es ist der bisher einzige Song im Drei-Viertel-Takt, ein bisschen Element-Of-Crime-mäßig, Tanzmusik. Da kommt man als Punkrockmusiker ja nicht drauf, dass man auch mal sowas machen könnte.“

Auch an anderen Songs tüftelt die Band länger herum: „Ein Song wie So wie es jetzt ist, wird es nicht für immer sein hat länger gebraucht, obwohl wir gar nicht so viel daran verändert haben. Die Melodie hat allen von Anfang an gefallen, weil sie sehr catchy ist. Aber daraus einen runden Song zu machen hat wirklich gedauert.“ Schneller geht es bei Engelstränen im Abendlicht – einem klassischen Muff Potter Song, allerfeinster Angry-Pop: „Die Songs, die schnell gehen, sind meistens die zackigen, kurzen, eher einfachen Songs. Bei Engelstränen im Abendlicht war es zum Beispiel so, dass das Instrumental schon monatelang fertig war, wir nur noch keinen Text hatten.“ Der Text kommt – und hat es in sich: „Die Meere brennen/Die Angst regiert/Sogar die Rache/Wird jetzt warm serviert/Der Pegel steigt/Die Stimmung kippt/Wer hat an meinem Digestif genippt.“ Und kurz vor dem Refrain heißt es: „Und wirklich jeder Idiot kann einen Krieg beginnen.“ Der Krieg, der sich immer weiter in unsere Lebensrealität einschreibt, ist ein wiederkehrendes Thema auf Klepto – ob klar adressiert wie in Engelstränen im Abendlicht oder in Form eines abgewandelten Reinhard-Mey-Zitats in Freaks & Geeks & Spinner. Auf die Absurdität der Welt mit all ihrer Gewalt, den multiplen Krisen, dem Selbstoptimierungswahn, reagieren Muff Potter mal spöttisch (Taliban Of The Week) oder produktiv, indem sie versuchen, der Lebensmüdigkeit etwas entgegenzusetzen oder wenigstens von ihr zu erzählen, wie in den bereits erwähnten Hinter den Bergen, am Rande der Welt sowie Und die Nacht brach still herein. Oder sie begreifen den Wandel als Chance für Aufbruch und Veränderung, wie man das abschließende So wie es jetzt ist, wird es nicht für immer sein deuten könnte.

Apropos Wandel: Auch in der Arbeitsweise hat sich die Band nach der Reunion verändert. Verschiedene Wohnorte, Hauptjobs und Familie zwingen die Band dazu blockweise an den Songs zu arbeiten. Eine Arbeitsweise, in der beide Vor- wie Nachteile sehen. „Ich finde das grundsätzlich super blockweise zu proben“, so Brami. „Man muss aber aufpassen, dass zwischen diesen Blöcken Sachen nicht wieder einschlafen. Das ist natürlich anders, wenn man in Münster wohnt und jeden Tag im Proberaum rumhängt.“ „Der Routine dient es nicht, das stimmt“, pflichtet Gebhard bei. „Insgesamt funktioniert für mich dieses in-Abschnitten-arbeiten aber sehr gut.“ Neu ist auch, dass Gebhard, der parallel unter anderem in der Instrumental-Band Zahn, bei Tocotronic und als Tour-Keyboarder der Einstürzende Neubauten aktiv ist, dieses Mal von Beginn an, an den neuen Songs mitarbeitet – mit Auswirkungen auf den Songwritingprozess: „Mit Felix schreibt man Songs anders als mit Dennis. Dennis kam eher mit fertigen Ideen um die Ecke. Felix ist eher jemand, der sich in den Prozess einklinkt und dann was draufsetzt. Was draufsetzt klingt jetzt etwas ungehobelt, so ist das aber gar nicht gemeint, sondern mehr in dem Sinn, dass Felix sich die Sachen zu eigen macht. Das ist meiner Meinung nach der fundamentale Unterschied.“ „Ich habe mich dieses Mal auf die Kleptoskizzen zwar schon zuhause vorbereiten können, vieles ist aber auch im Moment des zu-viert-musizierens entstanden“, ergänzt Gebhard. „Das ist wahrscheinlich ein großer Unterschied, dass früher viele Muff-Potter-Songs weitgehend auskomponiert in den Proberaum mitgebracht wurden. Ich finde das hört man auch. Auch auf Klepto gibt es solche Songs, die Thorsten relativ fertig eingebracht hat. Vieles wird heute aber gemeinsam ausgeformt.“

Nicht alle Songs, die in dieser Zeit geschrieben werden, schaffen es auf das Album. Die Playlist läuft und Königsesch, das Dennis Scheider gewidmet ist, landen auf einer Bonus-Seven-Inch, die der Limited-Edition-Vinylausgabe von Klepto beiliegt. Die Playlist läuft ist ein zweiminütiger Punkrocksong, der den thematischen Faden von Freaks & Geeks & Spinner aufnimmt und gegen Konformismus und für alles Abseitige plädiert. Königsesch hingegen ist nicht viel weniger als einer der besten Muff-Potter-Songs der letzten Jahre – textlich wie musikalisch. Nagelschmidt zeichnet ein Porträt des Verstorbenen, mit direkter Ansprache, zahlreichen Anekdote und dem Zitieren einer von Scheider geschriebenen Zeile und beschreibt gleichzeitig allgemeingültige Gefühlslagen, die alle, die in ihrem Leben einen geliebten Menschen verloren haben, nachfühlen können. Dabei trifft er genau die richtige Mischung zwischen Trauer über den Verlust und das Feiern von Freundschaft und Gemeinschaft. Und versucht gar nicht erst so etwas wie eine Antwort zu finden: „Es lässt sich nicht ändern/Es ist einfach scheiße/Ein großes Versagen vom Regisseur/Diesem verdammten Amateur.“ Dazu leistet auch die Musik Aufbauarbeit: Anfangs melancholisch, wird sie immer energetischer, spendet Trost, spendet Kraft. So gesehen machen Muff Potter auf Klepto, was sie seit ihrer Gründung machen: Stehauflieder für alle vom Leben gezeichneten, Versehrten, für alle Freaks & Geeks & Spinner, für alle, die gerade einen Muff-Potter-Song brauchen – heute halt nur mit anderen Mitteln.

Muff Potter – Live
18.09. – Düsseldorf, Ratinger Hof (Klepto Releaseshow)
19.09. – Hamburg, Knust, Reeperbahnfestival (Klepto Releaseshow)
11.11. – Leipzig, Conne Island
12.11. – München, Strom
13.11. – Darmstadt, Centralstation
14.11. – Dortmund, FZW
18.11. – Bremen, Schlachthof
19.11. – Köln, Kantine
20.11. – Münster, Sputnikhalle
21.11. – Hamburg, Uebel & Gefährlic
26.11. – Erlangen, E-Werk
27.11. – Wien (AT), Flucc
28.11. – Berlin, Festsaal Kreuzberg