Thorsten Nagelschmidt – Kein Seelenstriptease

Nur für Mitglieder heißt das neue Buch von Muff-Potter-Frontmann Thorsten Nagelschmidt, für das er sich über die Weihnachtsage in ein Selbstexperiment begibt: 86 Stunden Sopranos in elf Tagen in einem All-Inclusive-Hotel auf Gran Carania. Herausgekommen ist ein überraschend vielschichtiges und persönliches Werk, auf das – gemeinsam mit dem Instrumentalkünstler Lambert – ein Spoken-Word-Album folgte. Warum Nur für Mitglieder ganz anderes geworden ist, als er anfangs gedacht hat und wie der Prozess vom Buch zum Album abgelaufen ist, das alles erzählt uns Nagelschmidt im Interview.

Thorsten, über was hast du in den elf Tagen am meisten gelernt? Über Weihnachten? Über All-Inclusive-Hotels? Oder über dich selbst?
Für die Beantwortung der Frage muss ich einen Schritt zurücktreten, denn das sind zwei verschiedene Dinge: Was habe ich in den elf Tagen gelernt? Und was habe ich dadurch gelernt, dass ich dieses Buch geschrieben habe? Ich glaube in den elf Tagen habe ich fast gar nichts gelernt, sondern konnte mir dabei zuschauen, wie ich von Tag zu Tag verblöde. Das beschreibe ich zwar in dem Buch, aber in Wirklichkeit war es noch viel dramatischer. In Wirklichkeit habe ich mir diese Frage: „Was machst du hier eigentlich?“, die in dem Buch immer wieder auftaucht, noch viel öfter gestellt. Von daher würde ich sagen: In den elf Tagen vor Ort habe ich ein bisschen über All-Inclusive-Hotels gelernt, aber auch nichts, was ich mir nicht vorher schon so gedacht hätte. Was dann aber passiert ist – und das ist ja auch die eigentliche Kunst und auch das Interessante an der Literatur – das Erlebte in Buchform darzustellen: Komprimiert, auf den Punkt und die ganze Arbeit dahinter wie nebenher erzählt erscheinen zu lassen. Am Anfang dachte ich, das wird ein „leichtes-nebenebei-Buch“: 130 Seiten, All-Inclusive-Hotel, Sopranos, Weihnachten. Dann aber habe ich gemerkt: Ich muss da viel tiefer reingehen. Dementsprechend habe ich in der Zeit des Schreibens einiges gelernt. Auch über die Sopranos. Und natürlich über die Themen Weihnachten und Familie, also die Themen, in denen es in Nur für Mitglieder eigentlich geht.

Mich hat überrascht, wie sehr du dein Inneres nach Außen kehrst. Für mich ist es – und das hätte ich vorher nicht gedacht – das persönlichste Buch, was ich von Dir gelesen habe.
Ja, wahrscheinlich ist das so. Ich habe schon immer mein eigenes Leben benutzt, um bestimmte Sachen zu untersuchen. Ich kenne das auch als Songschreiber, da bin ich auch oft dahingegangen, wo es weh tut – seit es die Bands gibt, genauer gesagt, seitdem ich angefangen habe Songtexte zu schreiben. Aber so in Buchform hast du wahrscheinlich Recht, ja.

Zu diesem Eindruck beigetragen haben vor allem Passagen, in denen du in besonderer Klarheit über deine Freundin und deine Eltern schreibst.
Verstehe ich, wobei ich einschränkend sagen muss: Ich bin immer noch Schriftsteller, auch in diesem Buch. Diese Freundin ist natürlich in dem Moment, in dem ich dieses Buch schreibe, auch eine literarische Figur und nicht eins-zu-eins gleichzusetzen. Sie erfüllt eine bestimmte Funktion in dem Text. Trotzdem kann ich das nachvollziehen und sehe das auch so, dass es diesmal sehr nah dran ist.

Wie gehst du mit der Herausforderung um, über real-existierende Figuren zu schreiben?
Das ist eine Frage, die für viele Menschen, die schreiben, immer mitschwingt, gerade, was diese familiäre Verflechtung angeht. Auch wenn auf einem Buch „Roman“ draufsteht, bleibt trotzdem die Frage: Liegen dem reale Figuren zu Grunde? Es gibt diesen großen Ausspruch: Man muss so schreiben, als ob die eigenen Eltern tot seien. Damit habe ich mich bei Der Abfall der Herzen viel auseinandergesetzt, weil ich das Gefühl hatte, ich muss so schreiben, als ob alle, die ich jemals gekannt habe, schon tot sind – sonst hätte ich beim Schreiben die ganze Zeit eine Schere im Kopf gehabt. Ich glaube, darum geht es beim Schreiben: Wenn man irgendeiner Wahrheit nahekommen will, dann muss man, soweit es geht, versuchen, das Umfeld auszuklammern. Sonst wird es schwer, etwas zu Papier zu bringen, was von Wert ist und was andere Menschen berühren kann. Trotzdem heißt das nicht, einen Seelenstriptease hinzulegen oder Leute ans Messer liefern zu müssen. Wenn man schreibt, nimmt man die eigenen Erfahrungen und versucht sie zu Literatur zu machen – selbst, wenn man Science Fiction oder Märchen schreibt. Das ist eine Voraussetzung. Natürlich geht es dann durch tausend Fassungen – zumindest in meinem Fall geht es durch sehr viele Fassungen, es wird sehr viel überarbeitet.

Mir ist es bei diesem Buch aber wichtig zu sagen: Es ist keine Abrechnung und es wird auch keine schmutzige Wäsche gewaschen. Ich habe einen klaren Anlass dafür, bestimmte Sachen zu erzählen und dieser Anlass ist, dass ich bestimmten Fragen auf den Grund gehen möchte: Woher stammt meine Aversion gegenüber Weihnachten? Warum geht es mir in dieser Jahreszeit oft so schlecht? Woher kommen depressive Verstimmungen? Was hat das sowohl mit meinen persönlichen Erfahrungen zu tun, aber auch mit gesellschaftlichen Begebenheiten? Es geht nicht nur um das Intime, sondern auch um den erweiterten Blick auf gesellschaftliche Strukturen. Das Zusammenspiel ist das, was mich interessiert, was mich auch als Leser belletristischer Literatur interessiert. Dem fühle ich mich als Schriftsteller verpflichtet: Dass, wenn ich diese Fragen untersuche, dass ich dann auch dahin gehen muss, wo es weh tut.

Wie bereits erwähnt ist nur für Mitglieder ein sehr vielschichtiges Buch geworden: Erfahrungsbericht trifft auf soziologische und popkulturelle Betrachtungen trifft auf autofiktionale Passagen, die an Autor*innen wie Annie Ernaux oder Didier Eribon erinnern. Dazu gibt es Fußnoten und zahlreiche Referenzen. War es für dich schwierig die einzelnen Passagen zu einem kohärenten Ganzen zusammenzufügen?
Nein, das ist ein großer Spaß. Ich kann das nicht planen. Ich hätte mir diese Art Text nicht vornehmen oder am Reißbrett entwerfen können. Ich habe wirklich am Anfang gedacht: Ich schreibe einen literarischen Essay. Letztendlich ist es etwas ganz anderes geworden. Genau das ist aber ein Zustand, den ich beim Schreiben erreichen möchte. Und den ich auch aus der Musik kenne, der Zustand der Beeinflussung, aus der im Endergebnis aber etwas ganz anderes entsteht. In diesen Zustand kommt man beim Schreiben aber nicht so leicht, weil es ein anderer Vorgang ist. Es ist weniger intuitiv als die Musik. Es ist verkopfter. Wenn sich das aber trotzdem ergibt – und man sich selbst, aber im Kopf auch potentielle Leser*innen – auf eine Reise mitnimmt in diesen Bastard-Text, in dem man nicht weiß, was zwei Seiten später passiert, das ist ein wunderbares Gefühl. Das hat etwas Anarchisches, das mir in der Kunst immer gut gefällt. Insofern erwischt du mich gerade nicht in meinem Schwärmen für meinem eigenen Text, sondern im mitgerissen-werden vom eigenen Tun, in dem man sich auch mal verlieren kann und den Pfad des Geplanten verlässt. Das sind die Momente, die ich am meisten liebe.

Ist die Unbestimmtheit von Nur für Mitglieder, die Schwierigkeit es als Roman zu bezeichnen, auch ein Grund, warum es beim März Verlag und nicht wie deine vorherigen drei Bücher bei S. Fischer erschienen ist?
Ja, das hat damit etwas zu tun, aber auch mit Veröffentlichungspolitik. Mein letzter Roman Soledad ist erst vor einem Jahr erschienen, deshalb war es nicht möglich Nur für Mitglieder diesen Herbst bei S. Fischer zu veröffentlichen, sondern das wäre erst ein Jahr später möglich gewesen. Ich habe dann aber gedacht: Fuck it, ich will das aber machen. Ich will das rausbringen. Ich möchte das nicht künstlich aufschieben. Deshalb habe ich es dann bei meinen Freunden vom März Verlag gemacht. Aber es stimmt natürlich: Es ist ein anderes Buch und passt damit schon gut zu dem Programm vom März Verlag.

Vom Buch zum Album
Die Idee aus dem Buch ein Album zu machen kommt Nagelschmidt, nachdem er Lambert – den Pianisten mit der sardischen Stiermaske – über einen gemeinsamen Freund in einer Berliner Kneipe kennenlernt. Die beiden verstehen sich nicht nur auf Anhieb gut miteinander, sondern stellen auch fest, dass sie fast Nachbarn sind. Anders, als in den meisten Abenden, aus denen man sich mit den Worten: „Wir müssen mal etwas zusammen machen“ verabschiedet, sitzen Nagelschmidt und Lambert tatsächlich einige Zeit später in Nagelschmidts Küche und basteln an einer Idee herum, die Lambert noch auf seiner Festplatte gespeichert hatte. Aus dieser Idee wird schließlich Nie wieder Weihnachten, die erste Auskopplung des Albums und für die beiden Musiker der Beweis, dass sie nicht nur menschlich, sondern auch künstlerisch zusammenpassen. Lambert ermutigt Nagelschmidt noch mehr mit Refrains zu arbeiten, noch mehr Pop zu wagen, auch mal eine Zeile zu singen. Musikalisch erinnert Nur für Mitglieder an das Spoken-Word-Album, das Nagelschmidt zu seinem zweiten Roman Was kostet die Welt veröffentlicht hat: Musik und Text als Einheit, nicht als Steigbügelhalter des jeweils anderen.

Wie seid ihr bei der Auswahl der Textstellen vorgegangen? Nach welchen Kriterien habt ihr die Auswahl getroffen? Oder lief das vor allem gefühlsorientiert ab?
Ja, sehr gefühlsorientiert. Ich könnte gar nicht direkt beschreiben, es ist mir selbst ein Rätsel, wie sich manche Musik mit manchem Text verzahnt und welche nicht. Ich vertraue da sehr meinem Gefühl und meiner Intuition. Manchmal passt es zusammen, manchmal passt es nicht, dann merkt man es aber auch sofort. Manchmal passt es zu gut zusammen und dadurch entsteht dann nichts mehr, weil, platt gesagt, trauriger Text mit Moll-Akkorden auch nach hinten losgehen kann, weil der Bruch fehlt, weil die Reibung fehlt. Aber, wenn es funktioniert, kann ich dem auch vertrauen, dann muss ich das nicht mehr analysieren. Ich kann meinem Gefühl nachgehen. Ich habe die Texte nicht ausgewählt, um das ganze Buch zu repräsentieren. Zum Beispiel in das ganz Autobiografische, in die Familienrückblicke, gehen wir nicht rein. Das hat aber keinen wirklichen Grund. Und wenn dann, dass es schwieriger gewesen wäre, diese aus ihrem Kontext zu lösen. Letztendlich hat man selbst bei Spoken-Word-Songs nur eine begrenzte Anzahl an Wörtern, die man unterbringen kann oder möchte. Auch darüber habe ich mir nicht zu viel den Kopf zerbrochen, weil ich nicht finde, dass das Album mit dem Buch konkurrieren muss. Es ist mir wichtig gewesen, dass beides unabhängig voneinander funktioniert.

Hat die Arbeit an dem Album dein Verhältnis zum Buch verändert?
Nicht wirklich. Wenn dann nur in der Hinsicht, dass ich bei den ersten Lesungen gemerkt habe, dass es mir gar nicht so leicht fällt, Passagen, die wir auf dem Album vertont haben, ganz normal zu lesen. Ich habe die ganze Zeit den Impuls sowas wie „Die beste Werbung der Welt“ zu performen – so wie ich es auf dem Album getan habe. Abgesehen davon würde ich nicht sagen, dass das einen Effekt auf mich gehabt hätte.

Im Dezember spielt ihr gemeinsam eine kleine Tour. Wisst ihr bereits, wie ihr das Album auf die Bühne bringen möchtet?
Wir haben drei Komponenten: Lesung, Musik und Bewegtbilder. Letzteres bietet sich bei dem Buch wahnsinnig gut an. Ich habe tolle Sachen zum Thema Weihnachten gesammelt, ich habe tolle Sachen zum Thema Sopranos gesammelt und ich habe tolle Sachen zum Thema All-Inclusive-Urlaub gesammelt. Im Mittelpunkt steht natürlich die Musik. Diese wird den größten Teil einnehmen. Wir haben den Anspruch, das Album zu zweit auf die Bühne zu bringen. Für viele Rock- und Popbands ist es absoluter Standard, dass live Sachen vom Band kommen. Ich finde das nicht besonders sexy, Lambert auch nicht. Wir werden das alles umarrangieren und überlegen, wie wir das zu zweit machen können. Das wird einmalig und wieder etwas komplett anderes als die Platte. Ich als Musikfan weiß sowas sehr zu schätzen. Ich möchte nicht auf ein Konzert gehen, auf dem mir originalgetreu etwas dargeboten wird, was ich mir auch so zuhause anhören könnte. Ich möchte, dass es lebendig ist, dass da noch etwas anderes passiert, dass Platz für Fehler ist, Songs weiterentwickelt werden. Eine Band, die das fantastisch kann, sind The Notwist, die ich wirklich verehre, die gerade auch live in den letzten Jahren nochmal unfassbar gut geworden sind. Das ist die Magie von Musik, wo wirklich nochmal etwas anderes passiert. Dafür gehe ich gerne abends irgendwohin, zahle meinen Eintritt und atme diese ganze schlechte Luft, weil hier nochmal ein anderes Gefühl im Raum ist. Das möchten wir auch herstellen können: Den Menschen einen Grund geben auf eine Abendveranstaltung zu gehen, auf der man etwas anderes erlebt, als wenn man zuhause bleibt und nur das Buch liest oder die Platte hört.

Thorsten Nagelschmidt
NUR FÜR MITGLIEDER – Lesungen

19.11.2025 Kassel, Film Shop
20.11.2025 Wuppertal, Die Börse
27.11.2025 Lübeck, Turmzimmer im Burgtor
29.11.2025 Zürich, Kapitel 10

Thorsten Nagelschmidt & Lambert
NUR FÜR MITGLIEDER – Die große Weihnachtsrevue
08.12.2025 Köln, Gloria
09.12.2025 Hamburg, Kampnagel
10.12.2025 Bremen, Schlachthof
11.12.2025 Dortmund, Domicil
12.12.2025  Wiesbaden, Museum
13.12.2025  Darmstadt, Centralstation
14.12.2025  Neunkirchen (Saar), Stummsche Reithalle
15.12.2025  Münster, LWL Museum
16.12.2025  Erfurt, Haus Dacheröden
17.12.2025  Berlin, Peter Edel
20.12.2025  München, Deutsches Theater
21.12.2025  Leipzig, Conne Island